Referenz

Thomistisches Begriffslexikon

Ein kurzes Arbeitslexikon fuer Begriffe, die bei Thomas und in der spaeteren thomistischen Tradition immer wiederkehren. Benutze es neben den Texten, nicht an ihrer Stelle.

Grundbegriffe

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Ziel

Mit klaren Definitionen lesen

Am besten mit

Essays, Thesen und Primaertexten

Wie man diese Seite benutzt

Begriffe sollen die Lektuere verlangsamen

Zuerst definieren, dann streiten

Viele moderne Missverstaendnisse entstehen aus wechselnden Bedeutungen. Thomismus wird schaerfer, wenn die Begriffe zuerst feststehen.

Zusammengehoerige Paare zusammen lesen

Akt und Potenz, Wesen und Sein, Form und Materie: Diese Unterscheidungen erklaeren sich gegenseitig und sollten selten isoliert studiert werden.

Jede Definition in einen Text zurueckfuehren

Das Lexikon ist ein Hilfsmittel. Jeder Eintrag sollte dich zu einer Quaestio, einem Artikel oder einem Einwand bei Thomas zurueckschicken.

Grundbegriffe

Begriffe, die den Grossteil thomistischer Diskussionen erschliessen

Das sind nicht alle Begriffe der Tradition, aber genug, um einen grossen Teil thomistischer Argumente lesbar zu machen.

Metaphysik

Akt und Potenz

Veraenderung ist verstehbar, weil ein Seiendes von einer Faehigkeit zur Aktualitaet uebergehen kann.

Potenz nennt eine reale Faehigkeit; Akt nennt Erfuellung oder Bestimmtheit. Die Unterscheidung erklaert Bewegung, Entwicklung, Begrenzung und den Unterschied zwischen endlichen Geschoepfen und Gott.

  • Potenz ist nicht pures Nichts, sondern geordnete Faehigkeit zur Vollendung.
  • Reiner Akt sagt man von Gott, weil in ihm keine unerfuellte Potenz bleibt.
  • Viele thomistische Beweise setzen diese Unterscheidung voraus, bevor sie sie ausdruecklich nennen.

Verwandt

Wesen und Sein

Metaphysik

Wesen und Sein

Was ein Ding ist und dass es ist, sind im Geschoepf verschieden.

Das Wesen beantwortet die Frage nach der Natur oder Washeit; das Sein beantwortet, ob das Ding wirklich ist. Der Thomismus versteht geschaffene Seiende als Empfaenger des Seins und nicht als selbsterklaerende Realitaeten.

  • Diese Unterscheidung begruendet Teilhabe und geschoepfliche Abhaengigkeit.
  • Sie erklaert, warum kontingente Seiende sich nicht selbst tragen.
  • In Naturtheologie und Schopfungsmetaphysik wird sie zentral.

Verwandt

Teilhabe

Metaphysik

Substanz und Akzidens

Eine Substanz existiert in sich; ein Akzidens existiert in einem anderen.

Die Unterscheidung schuetzt den Unterschied zwischen dem, was ein Ding grundlegend ist, und den veraenderlichen Eigenschaften, die ihm zukommen. So kann der Thomismus praezise ueber Identitaet im Wandel sprechen.

  • Farbe, Quantitaet und Relation sind klassische akzidentelle Bestimmungen.
  • Die Substanz ist kein verborgenes Objekt hinter Erscheinungen, sondern das tragende Seiende selbst.
  • Die Unterscheidung ist sowohl fuer Ontologie als auch fuer Sakramententheologie wichtig.

Verwandt

Form und Materie

Natur

Form und Materie

Materielle Substanzen bestehen aus dem, was bestimmt wird, und dem, was bestimmt.

Materie ist das Prinzip der Potentialitaet in koerperlichen Dingen; Form gibt Aktualitaet, Erkennbarkeit und Art. Zusammen erklaeren beide Entstehung, Vergehen und die Einheit des leiblichen Wesens.

  • Form ist nicht bloss aeussere Gestalt, sondern das Prinzip, das ein Ding zu dem macht, was es ist.
  • Materie erklaert Individuation und Wandel in koerperlichen Seienden.
  • Die Seele wird als substantielle Form des lebendigen Leibes verstanden.

Verwandt

Hylomorphismus

Anthropologie

Natur

Natur nennt ein inneres Prinzip der Taetigkeit, das auf charakteristische Ziele hingeordnet ist.

Nach einer Natur zu fragen heisst zu fragen, was fuer ein Seiendes etwas ist und wie es zu handeln geeignet ist. Thomistische Ethik und Politik haengen von dieser Lehre stabiler menschlicher Kraefte und Gueter ab.

  • Natur steht nicht gegen Vernunft; zur menschlichen Natur gehoert Rationalitaet.
  • Natuerliche Neigungen sind Hinweise auf Gueter, nicht blosse Impulse.
  • Gnade setzt Natur voraus, weil sie reale Kraefte eines realen Subjekts vollendet.

Verwandt

Gesetz und Gnade

Ethik

Habitus

Ein Habitus ist eine stabile Qualitaet, die ein Vermoegen zum guten oder schlechten Handeln disponiert.

Habitus erklaeren, warum wiederholtes Handeln den Handelnden veraendert. Sie machen Handlungen leichter, schneller und innerlich passender. Darum ist moralische Bildung fuer Thomas mehr als eine Reihe einzelner Entscheidungen.

  • Tugenden und Laster sind Arten von Habitus.
  • Habitus gehoert zu Kraeften wie Intellekt und Wille, nicht nur zu aeusserer Routine.
  • Ohne Habitus gaebe es keine stabile Form moralischen Wachstums.

Verwandt

Tugend

Ethik

Tugend

Tugend vollendet ein Vermoegen zum guten Handeln gemaess Vernunft und letztlich gemaess Gnade.

Fuer Thomas ist Tugend nicht bloss Regelbefolgung. Sie ist eine Vortrefflichkeit, die Begehren, Urteil und Handlung auf das wirkliche Gute ordnet und den Menschen fuer hoehere Ziele bereitet.

  • Moralische Tugenden formen das Begehren; intellektuelle Tugenden vollenden das Erkennen und Urteilen.
  • Klugheit ist zentral, weil rechte Handlung rechtes Urteil ueber Mittel verlangt.
  • Die theologischen Tugenden ordnen den Menschen ueber rein natuerliches Glueck hinaus.

Verwandt

Seligkeit

Ethik

Gesetz

Gesetz ist eine Anordnung der Vernunft fuer das Gemeinwohl, erlassen von legitimer Autoritaet und bekanntgemacht.

Diese Definition zeigt, warum thomistisches politisches Denken weder reiner Voluntarismus noch private Intuition ist. Gesetz ist vernuenftig, oeffentlich und auf gemeinsames menschliches Gedeihen hingeordnet.

  • Das Naturgesetz ist die Teilhabe des vernuenftigen Geschoepfs am ewigen Gesetz.
  • Menschliches Gesetz wendet allgemeine Prinzipien auf konkrete Gemeinschaften an.
  • Ein ungerechtes Gesetz kann seinen vollen sittlichen Charakter als Gesetz verfehlen.

Verwandt

Naturgesetz

Theologie

Gnade

Gnade ist unverdientes goettliches Geschenk, das das Geschoepf heilt und erhebt.

Der Thomismus behandelt Gnade nicht als Rivalin der Natur. Gnade setzt ein geschaffenes Subjekt voraus, vollendet seine Kraefte und erhebt die Person auf ein uebernatuerliches Ziel, das Natur allein nicht erreichen kann.

  • Heiligmachende Gnade begruendet eine neue Lebensweise in der Seele.
  • Gnade hebt Freiheit nicht auf, sondern befaehigt freieres Handeln auf das hoechste Gut hin.
  • Das Verhaeltnis von Natur und Gnade ist Erhoehung, nicht Ersetzung.

Verwandt

Tugend und Seligkeit

Theologie

Teilhabe

Geschoepfe besitzen begrenzte Vollkommenheiten, indem sie sie empfangen und nicht aus sich selbst hervorbringen.

Teilhabe hilft dem Thomismus, zugleich von Aehnlichkeit und Abhaengigkeit zu sprechen. Ein Geschoepf ist wirklich gut, weise oder seiend, aber nur durch Anteil an Vollkommenheiten, die Gott in hoeherer Weise zukommen.

  • Teilhabe schuetzt vor Pantheismus und vor radikaler Trennung zugleich.
  • Sie erklaert, warum geschaffene Guete wirklich und doch endlich ist.
  • Der Begriff traegt Analogie, Kausalitaet und die Lehre von der Schoepfung.

Verwandt

Analogie

Definitionen dienen dem Urteil

Es geht nicht darum, Jargon auswendig zu lernen. Es geht darum, hoeren zu lernen, ob Thomas ein Problem im Sein, in der Natur, im Handeln, im Gesetz oder in der Gnade verortet.

Nach den Begriffen zur Architektur gehen

Wenn der Wortschatz stabil geworden ist, gehe weiter zu den groesseren Konzepten, die den Thomismus durch Metaphysik, Anthropologie, Ethik und Theologie hindurch ordnen.

Zu den wichtigen Konzepten