Zurueck zu den Argumenten des Thomas

Metaphysik · Grundlagenlektion

Akt und Potenz

Lerne die Unterscheidung, mit der Thomas Veränderung verständlich macht: was ein Ding bereits wirklich ist und was es als reale Potenz werden kann.

Lektion

Grundlagenlektion

Geschaetzte Dauer

15 min

Voraussetzungen

Keine Voraussetzungen

Beginne mit einer Eichel

Eine Eichel ist keine Eiche. Dennoch kann aus einer Eichel eine Eiche werden, aus einem Stein aber nicht auf dieselbe Weise. Dieser Unterschied ist mehr als die bloße Aussage, dass die Eiche noch nicht existiert.

Die Eichel besitzt bereits eine wirkliche Natur und aufgrund dieser Natur reale Fähigkeiten zur weiteren Entwicklung. Thomas nennt das bereits Verwirklichte Akt und eine verwirklichbare Fähigkeit Potenz.

Die Unterscheidung erlaubt uns, echte Veränderung zu beschreiben, ohne zu behaupten, dass dasselbe Ding zur selben Zeit und in derselben Hinsicht zugleich Eiche und Nicht-Eiche ist.

Triff die Unterscheidung

Actus, potentia, motus

actus

Akt

Eine Vollkommenheit oder Bestimmung, die in einem Ding bereits verwirklicht ist.

Beispiel

Die Eichel ist tatsächlich eine Eichel; warmes Wasser besitzt tatsächlich seine gegenwärtige Temperatur.

potentia

Potenz

Eine reale Fähigkeit eines Subjekts, eine weitere Wirklichkeit zu empfangen oder auszuüben.

Beispiel

Die Eichel kann zur Eiche heranreifen; Wasser kann wärmer werden, als es jetzt ist.

motus

Bewegung oder Veränderung

Die Aktualität dessen, was in Potenz ist, gerade insofern diese Potenz verwirklicht wird.

Beispiel

Das Erwärmen ist weder nur der frühere kalte Zustand noch der fertige heiße Zustand, sondern die laufende Verwirklichung dazwischen.

Wie Veraenderung verstaendlich wird

Thomas übernimmt die Unterscheidung von Aristoteles und benutzt sie als metaphysische Grundgrammatik. Ein Ding ist nicht auf genau dieselbe Weise zugleich aktuell und potentiell; vielmehr kann ein Subjekt in einer Hinsicht aktuell und in einer anderen potentiell sein.

  1. 1

    Bestimme das Subjekt, wie es wirklich ist

    Beginne mit etwas, das bereits existiert und bestimmte Eigenschaften besitzt. Veränderung beginnt nicht aus dem bloßen Nichts; es gibt ein Subjekt, das in bestimmter Hinsicht aktuell ist.

  2. 2

    Bestimme eine reale Fähigkeit

    Frage, was dieses Subjekt aufgrund dessen, was es ist, werden oder empfangen kann. Potenz gründet im Subjekt und seinen Vermögen, nicht bloß in unserer Fähigkeit, uns ein Ergebnis vorzustellen.

  3. 3

    Beschreibe die Verwirklichung der Potenz

    Während der Veränderung wird eine zuvor unverwirklichte Fähigkeit aktuell. Akt und Potenz werden daher nach verschiedenen Hinsichten oder Stadien unterschieden; dadurch entsteht kein Widerspruch.

  4. 4

    Suche nach etwas bereits Aktuellem

    Eine Potenz verwirklicht sich nicht selbst genau in der Hinsicht, in der sie nur potentiell ist. Thomas fragt deshalb, welcher aktuelle Faktor den Übergang erklärt. Dieses Prinzip wird später für den Ersten Weg zentral.

Thomas lesen

In Physic., lib. 3, lect. 2, n. 6

motus est actus possibilis inquantum est possibile

Uebersetzung

Bewegung ist die Aktualität des Potentiellen, insofern es potentiell ist.

Kommentar zur Physik des Aristoteles

Haeufiges Missverstaendnis

Potenz bedeutet einfach, dass etwas logisch möglich ist.

In dieser Lektion meint Potenz eine reale Fähigkeit eines existierenden Subjekts. Es reicht nicht, dass eine Aussage über ein Ergebnis widerspruchsfrei formulierbar ist. Eine Eichel besitzt eine natürliche Potenz, zur Eiche heranzureifen; ein Stein besitzt nicht dieselbe Potenz, nur weil wir uns an seiner Stelle eine Eiche vorstellen können.

Pruefe die Unterscheidung

Einwand 1

Wenn ein Subjekt zugleich aktuell und potentiell ist, verletzt das nicht den Satz vom Widerspruch?

Antwort

Nein. Das Subjekt ist nicht zur selben Zeit in derselben Hinsicht aktuell und potentiell. Wasser kann tatsächlich 20 °C warm und zugleich potentiell 80 °C warm sein. Gerade die Unterscheidung der Hinsichten verhindert den Widerspruch.

Einwand 2

Macht die moderne Physik Akt und Potenz überflüssig, weil sie Veränderungen als Übergänge zwischen physikalischen Zuständen beschreibt?

Antwort

Ein physikalisches Modell kann Zustände, Raten, Felder oder Wechselwirkungen viel genauer beschreiben. Akt und Potenz stellen eine andere Frage: Was muss für ein sich veränderndes Subjekt gelten, damit der Übergang von einem unverwirklichten zu einem verwirklichten Zustand überhaupt verständlich ist? Die metaphysische Unterscheidung ersetzt keine physikalische Theorie.

Einwand 3

Wenn Potenz etwas Aktuelles braucht, bestreitet Thomas dann, dass Lebewesen sich selbst bewegen?

Antwort

Nein. Seine Einschränkung lautet, dass dasselbe nicht bloß potentiell sein und genau diese Potenz in derselben Hinsicht selbst aktualisieren kann. Ein Lebewesen kann sich selbst bewegen, wenn ein aktueller Teil, ein Vermögen oder ein Prinzip einen anderen Teil bewegt. Die Unterscheidung von Akt und Potenz gilt weiterhin innerhalb dieses Vorgangs.

Pruefe dein Verstaendnis

1.Warum ist Potenz nicht dasselbe wie Nichts?Antwort anzeigen

Weil Potenz einem existierenden Subjekt als reale Fähigkeit zukommt. Das Nichts besitzt weder ein Subjekt noch eine Natur oder Fähigkeit, die aktualisiert werden könnte.

2.Wie kann dasselbe Wasser ohne Widerspruch aktuell und potentiell sein?Antwort anzeigen

Es ist aktuell hinsichtlich der Temperatur, die es jetzt besitzt, und potentiell hinsichtlich einer anderen Temperatur, die es annehmen kann. Die Hinsichten sind verschieden.

3.Warum betont Thomas, dass das Bewegte in Potenz, das Bewegende aber insofern es bewegt im Akt ist?Antwort anzeigen

Weil eine bloß unverwirklichte Fähigkeit ihren eigenen Übergang zur Aktualität nicht erklärt. Am Übergang muss etwas beteiligt sein, das in der relevanten Hinsicht bereits aktuell ist.

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